{"id":10315,"date":"2022-09-12T11:54:39","date_gmt":"2022-09-12T09:54:39","guid":{"rendered":"https:\/\/easyoriginal.com\/?page_id=10315"},"modified":"2024-05-30T23:40:57","modified_gmt":"2024-05-30T21:40:57","slug":"ilya-frank-ueber-seine-lesemethode","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/easyoriginal.com\/en\/ilya-frank-ueber-seine-lesemethode\/","title":{"rendered":"Ilya Frank \u00fcber seine Lesemethode"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; admin_label=&#8220;section&#8220; _builder_version=&#8220;4.25.1&#8243; top_divider_style=&#8220;arrow2&#8243; top_divider_color=&#8220;#f9f5f1&#8243; hover_enabled=&#8220;0&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;][et_pb_row admin_label=&#8220;row&#8220; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220; custom_padding=&#8220;117px|||||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.18.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; header_2_line_height=&#8220;2em&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h1>Ilya Frank \u00fcber seine Lesemethode<\/h1>\n<h2><strong>Meine Lesemethode: Wie sie entstanden ist und wie sie n\u00fctzlich sein kann<\/strong><\/h2>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_text admin_label=&#8220;Text&#8220; module_class=&#8220;text&#8220; _builder_version=&#8220;4.18.0&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]1999 war ich als Dozent an der Russischen Geisteswissenschaftlichen Universit\u00e4t gezwungen, Privatstunden in Deutsch zu geben (in jenem Jahr gab es einen Staatsbankrott, und die H\u00f6he der Dozentengeh\u00e4lter war rein symbolisch). Mein Sch\u00fcler war ein Gesch\u00e4ftsmann, der im Begriff war, Russland f\u00fcr immer zu verlassen und nach Deutschland zu gehen. Er hatte keinerlei deutsche Sprachkenntnisse.<\/p>\n<p>Wie \u00fcblich begann ich den Kurs mit einigen Einf\u00fchrungslektionen, in denen ich dem Sch\u00fcler die Aussprache und einige Grundlagen der Grammatik erkl\u00e4rte (ganz allgemein die Deklination von Substantiven und Adjektiven, die Konjugation von Verben, die Vergangenheitsformen, das allgemeine Konzept des Konjunktivs, die Wortstellung im Deutschen), und ging dann zur Konversationspraxis \u00fcber.<\/p>\n<p>Soviel ich wei\u00df, besteht der \u00fcbliche Ansatz darin, eine Sprache schrittweise anhand von Lehrb\u00fcchern zu erlernen, wobei jeder Abschnitt im Buch ein bestimmtes Thema und eine bestimmte Portion Grammatik behandelt. Ich sehe in diesem Ansatz zwei Nachteile: erstens die v\u00f6llig k\u00fcnstliche Verkn\u00fcpfung eines bestimmten lexikalischen Themas mit dieser oder jener Grammatik und zweitens die Unm\u00f6glichkeit einer freien Konversation. Was ist das f\u00fcr eine Konversationspraxis, wenn ein Sch\u00fcler zum Beispiel \u00fcber die Deklination von Adjektiven oder die Bedingungsform erst nach einigen Monaten des Lernens (und im Falle des Schulprogramms auch erst nach einem Jahr oder sogar einigen Jahren) erfahren kann? Das ist ungef\u00e4hr so: Lasst uns sprechen, aber nur ohne Adjektive und ohne Versuche, S\u00e4tze zu sagen wie \u201eWenn ich ein solches Fahrrad h\u00e4tte &#8230;\u201c.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit, wie ich das verstehe, wird dies folgenderma\u00dfen gel\u00f6st. Der Lehrer sagt: \u201eFragt euch gegenseitig, was ihr gestern Abend gemacht habt.\u201c Es ist klar, dass es sich keineswegs um eine Sprechpraxis, sondern lediglich um eine \u00dcbung einer bestimmten Vergangenheitsform handelt. Deswegen denke ich, dass man dem Sch\u00fcler gleich am Anfang die Grundlagen der Grammatik vermitteln sollte (das k\u00f6nnen drei-vier Lektionen sein), und danach kann man zur Konversationspraxis und verschiedenen Themen (Situationen, Diskussionen, Nachrichten) \u00fcbergehen, wobei man die Grammatik allm\u00e4hlich erweitert, pr\u00e4zisiert und \u00fcbt (und sie nicht mit einem bestimmten lexikalischen Thema verkn\u00fcpft).<\/p>\n<p>(Nat\u00fcrlich kann ein Mensch eine Sprache durchaus auch ganz ohne Grammatikwissen und sogar ganz ohne Lehrer erlernen, vorausgesetzt, er befindet sich vollends in einer fremdsprachlichen Umgebung. Eine solche Situation wird hier nicht weiter analysiert.)<\/p>\n<p>Ich komme auf die Geschichte meines Sch\u00fclers zur\u00fcck. Wir machten uns (im Verlauf einiger Lektionen, ganz allgemein) mit der deutschen Grammatik vertraut und begannen zu sprechen. Das Gespr\u00e4ch basierte auf den Thementexten aus dem Lehrbuch, war aber in keiner Weise grammatikalisch eingeschr\u00e4nkt, das hei\u00dft, v\u00f6llig frei (nicht vorgegeben). Ich hatte ihm nur manchmal mit der richtigen Variante der Aussprache oder irgendeinem Wort nachgeholfen, um sein Sprechen zu unterst\u00fctzen (die Theorie kannte er bereits, er musste sie nur noch in die Praxis umsetzen, das hei\u00dft, sich gew\u00f6hnen).<\/p>\n<p>Und dann irgendwann bat mich mein Sch\u00fcler, einen Teil des Unterrichts dem Lesen zu widmen, und zwar so: dass wir gemeinsam einen Text lasen und ich ihm dabei die Bedeutung von W\u00f6rtern und Redewendungen, die ihm nicht gel\u00e4ufig waren, erl\u00e4uterte. F\u00fcr mich war es schade, dass ich daf\u00fcr Zeit von derjenigen f\u00fcr die Konversationspraxis abziehen musste, deswegen gab ich ihm jedes Mal einen ausgedruckten Text, den er eigenst\u00e4ndig lesen sollte und in dem ich (in Klammern) die Bedeutung der W\u00f6rter angab (ich wusste ja, welche W\u00f6rter und Wendungen er nicht kannte).<\/p>\n<p>Da mein Gesch\u00e4ftsmann fr\u00fcher bei der Polizei gearbeitet hatte, gab ich ihm einen Krimi zu lesen. Es stellte sich jedoch sofort heraus, dass ihm diese Lekt\u00fcre \u00fcberhaupt nicht lag: Der ehemalige Polizist war entr\u00fcstet und sagte, dass es so nicht ablaufe, dass der Autor nichts verstehe und einen v\u00f6lligen Unsinn schreibe. Wir suchten nach einer anderen Lekt\u00fcre und entschieden uns f\u00fcr die M\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm, die auf erstaunliche Weise den Gesch\u00e4ftsmann nicht nur ansprachen, sondern auch seine volle Sympathie weckten: Er lachte, f\u00fchlte mit den Helden mit usw.<\/p>\n<p>Es vergingen einige Wochen, und ich wusste nicht mehr, welche W\u00f6rter er kannte und welche nicht. Deshalb begann ich, die \u00dcbersetzung nicht einzelner W\u00f6rter, sondern kleiner Satzteile (in Klammern) hinzuzuschreiben, das hei\u00dft, gab die vollst\u00e4ndige \u00dcbersetzung eines Satzes an, indem ich ihn mit Klammern in kleinere Abschnitte unterteilte \u2013 nat\u00fcrlich der Logik des Satzes folgend. Gleichzeitig entstand die Notwendigkeit, einzelne W\u00f6rter zu erkl\u00e4ren und dabei nicht nur ihre genaue Bedeutung anzugeben (das hei\u00dft, zuerst die urspr\u00fcngliche Bedeutung und dann die, die das Wort im Text hatte), sondern auch die W\u00f6rterbuchform (zum Beispiel bei unregelm\u00e4\u00dfigen Verben in der Vergangenheitsform) und manchmal sogar das Wort hinzuzuf\u00fcgen, aus dem das kommentierte Wort hervorging. Das sah in etwa so aus (ich ersetze die russische \u00dcbersetzung durch die englische):<\/p>\n<div class=\"adapted-container\">\n<p class=\"Adapted\"><strong>Ich befand mich in der N\u00e4he einer norddeutschen Stadt<\/strong> <span class=\"Translation\">(I was in the vicinity of a north German town; <strong><em>sich befinden<\/em><\/strong> <em>\u2014 to find oneself; to be; <strong>die <\/strong><\/em><strong><em>N\u00e4he<\/em><\/strong><em>, f <\/em><em>\u2014 nearness; vicinity; <strong>nah<\/strong> \u2014 near<\/em>)<\/span> <strong>auf dem Landhause eines Freundes<\/strong> <span class=\"Translation\">(at the country home of a friend; <strong><em>das Land<\/em><\/strong> <em>\u2014<\/em><em> country; <strong>das Haus<\/strong> <\/em><em>\u2014<\/em><em> house; home; <strong>der Freund<\/strong> <\/em><em>\u2014 <\/em><em>\/male\/ friend<\/em>)<\/span>.<\/p>\n<\/div>\n<p>Da nicht mehr einzelne W\u00f6rter, sondern Textpassagen \u00fcbersetzt wurden, musste man au\u00dferdem zwischen einer eher w\u00f6rtlichen und einer eher literarischen \u00dcbersetzung w\u00e4hlen. Eine wortw\u00f6rtliche \u00dcbersetzung kann n\u00e4mlich den Sinn des Textes verschleiern oder sogar ganz unverst\u00e4ndlich sein. So kam ich auf folgende L\u00f6sung: In den F\u00e4llen, in denen eine w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung sich g\u00e4nzlich holprig anh\u00f6rte und das Verst\u00e4ndnis behinderte oder verlangsamte, sollte sie mit einer literarischen \u00dcbersetzung kombiniert werden (durch das Hinzuf\u00fcgen der literarischen \u00dcbersetzung nach einem Gleichheitszeichen). Hier einige Beispiele (zur Abwechslung einmal umgekehrt: nicht ein Engl\u00e4nder oder ein Amerikaner lernt Deutsch, sondern ein Deutscher oder ein \u00d6sterreicher lernt Englisch):<\/p>\n<div class=\"adapted-container\">\n<p class=\"Adapted\"><strong>\u201cIn what an amiable light does this place him <\/strong><span class=\"Translation\">(in was f\u00fcr ein liebensw\u00fcrdiges Licht ihn dies stellt = wie liebensw\u00fcrdig ihn dies darstellt;<em> amiable <\/em><span class=\"Transcription\">[&#8218;e\u026am\u026a\u0259bl]<\/span>)<strong><\/strong><\/span>!\u201d thought Elizabeth <span class=\"Translation\">(dachte Elizabeth)<strong><\/strong><\/span>.<\/p>\n<\/div>\n<p>Ein weiteres Beispiel:<\/p>\n<div class=\"adapted-container\">\n<p class=\"Adapted\"><strong>Lady Lucas has been very kind <\/strong><span class=\"Translation\">(Lady Lucas ist sehr g\u00fctig gewesen)<\/span><strong>; she walked here on Wednesday morning to condole with us <\/strong><span class=\"Translation\">(sie ging am Mittwoch hierher um uns zu kondolieren = ihr Beileid auszudr\u00fccken; <em>condole <\/em><span class=\"Transcription\">[k\u0259n&#8217;d\u0259ul]<\/span>)<\/span><strong>.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p>Ein weiteres Beispiel (mit kursiver Schrift \u2013 zur Hervorhebung der literarischen Version der \u00dcbersetzung gegen\u00fcber der w\u00f6rtlichen Version):<\/p>\n<div class=\"adapted-container\">\n<p class=\"Adapted\"><strong>And as I come back, I can call on Lady Lucas and Mrs. Long <\/strong><span class=\"Translation\">(und wenn ich zur\u00fcckkomme = <em>beim Zur\u00fcckkommen<\/em> kann ich Lady Lucas und Mrs. Long besuchen)<strong><\/strong><\/span>.<\/p>\n<\/div>\n<p>M\u00f6glich ist auch die umgekehrte Vorgehensweise: zuerst die literarische \u00dcbersetzung angeben und dann die w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung (mit Doppelpunkt und Anf\u00fchrungszeichen). Es ist Sache des \u00dcbersetzers zu entscheiden, was in jedem konkreten Fall am besten ist. Zum Beispiel:<\/p>\n<div class=\"adapted-container\">\n<p class=\"Adapted\"><strong>And as I come back, I can call on Lady Lucas and Mrs. Long <\/strong><span class=\"Translation\">(und beim Zur\u00fcckkommen: \u201cwenn ich zur\u00fcckkomme\u201d kann ich Lady Lucas und Mrs. Long besuchen)<strong><\/strong><\/span>.<\/p>\n<\/div>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_text admin_label=&#8220;Text&#8220; module_class=&#8220;text&#8220; _builder_version=&#8220;4.18.0&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>An dieser Stelle ist vielleicht anzumerken, dass die \u00dcbersetzung (in Klammern) jedes einzelnen Wortes den Text praktisch unverst\u00e4ndlich und das Lesen furchtbar verlangsamt machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das Einf\u00fcgen (mit Hilfe von Klammern) von drei Dingen in den Originaltext: einer w\u00f6rtlichen \u00dcbersetzung, einer literarischen \u00dcbersetzung (die nur dort hinzugef\u00fcgt wird, wo es notwendig ist) und einem kurzen lexikalischen Kommentar (ebenfalls nur dort, wo er f\u00fcr das genaue Verst\u00e4ndnis der Bedeutung eines Wortes und seiner urspr\u00fcnglichen grammatikalischen Form wichtig ist) schafft also eine maximale Ann\u00e4herung der \u00dcbersetzung an das Original, ohne dabei die Wahrnehmung des Textes besonders zu behindern (au\u00dferdem kann der Leser, der die Passage auch ohne Hilfestellung verstanden hat, das in Klammern Geschriebene, also die \u00dcbersetzung und den Kommentar, \u00fcberspringen).<\/p>\n<p>Weiter dachte ich: \u201eUnd doch ist der Leser, der den Originaltext mit Hilfestellungen liest, wie eine Person, die schwimmt und sich dabei die ganze Zeit an einem Brett festh\u00e4lt. Wie w\u00e4re es, wenn wir ihm die M\u00f6glichkeit geben, ohne dieses Brett zu schwimmen \u2013 wenigstens nur ganz kurze Strecken?\u201c Also teilte ich den Text in kleine Passagen (jeweils mit ein paar Zeilen): Zuerst gab es eine Passage mit Hilfestellungen, und dann wurde dieselbe Passage wiederholt \u2013 aber schon ohne Hilfestellungen. Der Leser las die Passage zun\u00e4chst mit Hilfestellungen (\u201eadaptiert\u201c \u2013 nicht im Sinne einer Vereinfachung des Textes, sondern w\u00f6rtlich: \u201eangepasst\u201c) und dann dieselbe Passage \u201efrei\u201c (weil er keine Zeit gehabt hatte, die \u00dcbersetzung und den Kommentar zu vergessen). Ich denke, dass das Einpr\u00e4gen des Wortschatzes und die Gew\u00f6hnung an die Struktur einer Sprache vor allem gerade beim Lesen der nicht angepassten Passage geschieht, da das Fehlen der \u00dcbersetzung die Aufmerksamkeit aktiviert.<\/p>\n<p>Ich komme noch einmal auf die Geschichte des Sch\u00fclers zur\u00fcck. Die Kombination von Sprech\u00fcbungen und intensivem Lesen hatte folgenden Effekt: Erstens kannte er bereits (passiv) all die W\u00f6rter, die ihm in den neuen thematischen Texten (die dazu gedacht waren, Situationen durchzuspielen und Diskussionen zu gestalten) begegneten, er musste sie nur noch aktivieren. Zweitens verga\u00df er diese W\u00f6rter nicht, als er weiterlas (denn ein gro\u00dfes Problem beim Spracherwerb ist ja, dass man an einem bestimmten Punkt \u201esteckenbleibt\u201c: Man vergisst altes Material im gleichen Tempo, wie man neues Material aufnimmt).<\/p>\n<p>Das ist das Ende der Geschichte meines Sch\u00fclers, und ich wende mich nun der Frage zu, worauf meine Lesemethode basiert. Stellen Sie sich vor: Sie haben einen gewissen Einf\u00fchrungs- (oder \u00dcbersichts-) Sprachkurs (mit Ihrem Lehrer oder im Selbststudium) absolviert und beginnen einen solchen Text zu lesen \u2013 der mit einer \u00dcbersetzung und einem Kommentar versehen, aber nicht vereinfacht ist. Nehmen wir an, Sie kennen bereits ein paar hundert oder sogar ein paar tausend W\u00f6rter. Wenn Sie mit dem Lesen beginnen, ist es, als w\u00fcrden Sie auf das offene Meer hinausfahren \u2013 der Wortschatz eines Schriftstellers kann durchaus mehr als 20.000 W\u00f6rter umfassen. (Kein Lehrbuch, auf welchem Niveau es sich auch bewegt, wird Ihnen \u00fcbrigens so viele W\u00f6rter beibringen. Lehrb\u00fcchern werden in der Regel kleine W\u00f6rterb\u00fccher beigef\u00fcgt \u2013 z\u00e4hlen Sie selbst nach, wie viele W\u00f6rter diese enthalten.) Man wird also anfangs von einer Lawine neuer W\u00f6rter und Wendungen \u00fcberrollt und denkt: \u201eWie soll ich mir das alles merken? Mache ich nicht gerade etwas Sinnloses?\u201c Der Trick besteht allerdings darin, dass beim Sprechen (und auch beim Schreiben) W\u00f6rter und Wendungen st\u00e4ndig wiederholt, \u201eabgespult\u201c werden. Genau durch diese st\u00e4ndige Wiederholung pr\u00e4gen sie sich ein. Dadurch unterscheidet sich der Erwerb einer Fremdsprache vom Studium beispielsweise der Geografie oder der Geschichte. Wenn Sie sich mit Geschichte besch\u00e4ftigen, sind Sie gezwungen, sich immer wieder neue, sich nicht wiederholende Dinge zu merken. Wenn Sie eine Sprache lernen, werden Sie unz\u00e4hlige Male mit denselben W\u00f6rtern und Gegebenheiten konfrontiert. Es ist gut, ein gutes Ged\u00e4chtnis zu haben; f\u00fcr viele Lernf\u00e4cher ist es einfach ein Muss, w\u00e4hrend es f\u00fcr das Sprachenlernen lediglich optional ist. Sie k\u00f6nnen sich davon \u00fcberzeugen, nachdem Sie einige Dutzend Seiten eines mit dieser Methode adaptierten Buches gelesen haben (einige Dutzend Seiten \u2013 das ist allerdings ohne die Adaption, welche die Textmenge etwa um das 3,5-fache vergr\u00f6\u00dfert). Das Wichtigste ist, dass man intensiv liest (je intensiver, desto schneller wird alles \u201eabgespult\u201c, desto schneller pr\u00e4gt sich der Wortschatz ein und desto schneller gew\u00f6hnt man sich an die Sprache). Es ist ratsam, mindestens eine Stunde am Tag zu lesen. Oder noch besser, zwei Stunden. Oder drei oder vier &#8230; (Eine Sprache ist wie eine Eisrutsche, die man unm\u00f6glich langsam hinaufgehen, aber schnell hinauflaufen kann. Eine Sprache ist kein Lernstoff, sondern eine Sache der Gewohnheit \u2013 wie Schwimmen, Autofahren &#8230;) Wenn Sie einmal dessen \u00fcberdr\u00fcssig werden oder Sie irgendetwas dabei st\u00f6ren sollte, k\u00f6nnen Sie eine Woche lang pausieren und danach weitermachen \u2013 bis Sie flie\u00dfend lesen k\u00f6nnen und zum freien Lesen ohne Hilfestellungen \u00fcbergehen (das sollte nach ein paar Monaten der Fall sein). Meine Lesemethode \u2013 das ist nicht etwas f\u00fcr immer; sie ist sozusagen nur ein Bauger\u00fcst. Irgendwann muss dieses entfernt werden.<\/p>\n<p>Hier ist anzumerken, dass das Prinzip der Darbietung des Vokabulars in den Lehrb\u00fcchern das Gegenteil von dem ist, was man in den \u00fcblichen B\u00fcchern findet. W\u00e4hrend in den B\u00fcchern das Vokabular st\u00e4ndig wiederholt wird, basiert jeder neue Text in einem Lehrbuch meist auf v\u00f6llig neuem Vokabular. Und da es in den folgenden Texten (in den folgenden Abschnitten) nur minimal wiederholt wird, ist es ziemlich schwierig, es sich zu einzupr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Hier m\u00f6chte ich ein paar Worte \u00fcber mich und die Besonderheiten meines Ged\u00e4chtnisses sagen. Ich habe mich schon immer gerne mit Sprachen besch\u00e4ftigt (seit meinem elften Lebensjahr, als ich in der Schule anfing, Deutsch zu lernen), es wurde zu meinem Hobby und sp\u00e4ter zu meinem Beruf. Zugleich ist mein Ged\u00e4chtnis nicht nur schwach, sondern, ehrlich gesagt, sogar irgendwie behindert. Ich hatte zum Beispiel immer Schwierigkeiten, mir meine Adresse, meine Telefonnummer und die Namen meiner Bekannten zu merken (meine Telefonnummer habe ich auch jetzt nicht im Kopf, und so trage ich sie, eingelegt in meinen Pass, mit mir mit). Als ich etwa 20 war, dachte ich, es w\u00e4re nicht schlecht, Gedichte auswendig zu lernen (da ich an der Moskauer Universit\u00e4t Literaturwissenschaft studierte und mich allgemein f\u00fcr Poesie interessierte). Es klappte auf ganzer Linie nicht: Am n\u00e4chsten Tag hatte ich das Gelernte vergessen. Dann wiederholte ich es, aber verga\u00df es trotzdem. Ich kann auch jetzt noch kein einziges Gedicht auswendig, obwohl ich Poesie liebe und st\u00e4ndig Gedichte lese. Ich kann mir kein Alphabet merken, weder das russische noch das lateinische (vom Einmaleins ganz zu schweigen). Den Inhalt eines gelesenen Buches vergesse ich nach zwei Wochen fast vollst\u00e4ndig. Ich liebe es sehr, Geschichtsb\u00fccher zu lesen, aber da ist, wie man so sch\u00f6n sagt, Hopfen und Malz verloren. Trotz meiner Faszination f\u00fcr Sprachen konnte ich nie mehr als die H\u00e4lfte eines Lehrbuchs bew\u00e4ltigen: Ich verga\u00df stets einfach die W\u00f6rter und die Grammatik und verstand keine Texte mehr. Daf\u00fcr gelang mir Folgendes: Ich nahm ein Buch in einer Fremdsprache, von der ich nur eine ansatzweise Vorstellung bekommen hatte, nahm mir ein W\u00f6rterbuch und begann zu lesen. Zum Beispiel war mein erstes deutsches Buch, das ich im Alter von 13 Jahren las, \u201eKlein Zaches genannt Zinnober\u201c von E. T. A. Hoffmann. Anfangs las ich langsam (und schaute die ganze Zeit im W\u00f6rterbuch nach) und verstand nicht alles \u2013 als w\u00fcrde ich im Nebel tappen. Doch dann (schon etwa nach der H\u00e4lfte des Textes) begann sich der Nebel zu lichten. Sp\u00e4ter las ich schon verschiedene deutsche B\u00fccher, und nach einem Jahr konnte ich flie\u00dfend lesen, das hei\u00dft, ohne W\u00f6rterbuch (genauer gesagt, schlug ich im W\u00f6rterbuch nach, konnte aber auch darauf verzichten, da mir im Schnitt nur ein unbekanntes Wort pro Seite begegnete). Im Alter von 15-16 Jahren lernte ich, auch auf Franz\u00f6sisch zu lesen (ich las vor allem Balzac), und mit 17 auf Englisch (Walter Scott und \u00c4hnliches). Jetzt lese ich B\u00fccher in fast allen europ\u00e4ischen und einigen \u00f6stlichen Sprachen.<\/p>\n<p>So wird also das Einpr\u00e4gen von W\u00f6rtern und Redewendungen beim Spracherwerb durch ihre st\u00e4ndige Wiederholung sichergestellt. Aber es gibt noch einen weiteren wichtigen Punkt, der beim Merken eine gro\u00dfe Hilfe ist. Nehmen wir zum Beispiel vier W\u00f6rter: \u201eHaus\u201c, \u201eanfangen\u201c, \u201ebenachbart\u201c und \u201eFeuer\u201c. Wenn man sie getrennt voneinander lernt (zusammen mit der jeweiligen \u00dcbersetzung in die Muttersprache), kann man sie nat\u00fcrlich erlernen. Wenn man aber weiter auf diese Weise die W\u00f6rter lernt, und es werden irgendwann nicht mehr vier, sondern, sagen wir, vierzig oder vierhundert W\u00f6rter sein, dann wird Folgendes passieren: Die Wortreihen (in der Fremdsprache und in der Muttersprache) verschieben sich gewisserma\u00dfen im Verh\u00e4ltnis zueinander. Sie werden sich daran erinnern, dass Sie dieses eine Wort gelernt haben, es wird Ihnen bereits vertraut sein, aber Sie werden sich nicht erinnern, was es nun bedeutet. Wenn wir dagegen die oben genannten vier W\u00f6rter in dem Satz \u201eIm benachbarten Haus hat ein Feuer angefangen\u201c kombinieren, f\u00e4llt es viel leichter, sich diese W\u00f6rter zu merken, weil sie durch eine gemeinsame Bedeutung verbunden sind und sich gewisserma\u00dfen gegenseitig unterst\u00fctzen. In der Rede (der m\u00fcndlichen und der schriftlichen) treffen wir auf genau solche zusammenh\u00e4ngenden W\u00f6rter. Sagen wir mal so: Das Auswendiglernen einzelner W\u00f6rter ist die erste und schwierigste Methode des Merkens. Das Auswendiglernen von W\u00f6rtern in einem zusammenh\u00e4ngenden Text ist die zweite, viel rationalere Methode. Aber das ist noch nicht alles; es gibt noch eine dritte Methode. Stellen Sie sich vor, Sie leben auf dem Land \u2013 und pl\u00f6tzlich h\u00f6ren Sie einen Schrei: \u201eIm benachbarten Haus hat ein Feuer angefangen!\u201c Sie empfinden sofort Angst und Mitgef\u00fchl f\u00fcr Ihre Nachbarn (wenn Sie ein guter Mensch sind) und (auf jeden Fall) Angst um Ihr eigenes Haus (weil das Feuer ja auch auf dieses \u00fcbergreifen k\u00f6nnte). Kurz gesagt, zu der Bedeutung des Satzes kommt ein Gef\u00fchl hinzu, das nicht da w\u00e4re, wenn es sich nur um einen Satz aus einem Lehrbuch handeln w\u00fcrde (zum Beispiel zur Veranschaulichung irgendeiner grammatikalischen Erscheinung). Wenn sich das Gef\u00fchl einschaltet und zur Bedeutung hinzukommt, dann pr\u00e4gt man sich alles mit hundertprozentiger Sicherheit ein. Es muss nicht so eine Extremsituation wie ein brennendes Haus sein. Wenn Sie mit jemandem sprechen oder eine Erz\u00e4hlung lesen, sind die dem Geschehen entsprechenden Gef\u00fchle in Ihnen ebenso aktiv.<\/p>\n<p>Also: Was am besten in Erinnerung bleibt, ist etwas, das eine Bedeutung hat und ein Gef\u00fchl hervorruft. Damit haben Sie ein Kriterium, anhand dessen Sie die Wirksamkeit einer bestimmten Methode des Spracherwerbs selbst bewerten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wortschatz und Sprachstruktur pr\u00e4gen sich am besten in der Rede ein: in der m\u00fcndlichen (in freier \u2013 nicht auf eine bestimmte grammatikalische Regel bezogener \u2013 Konversation) und in der schriftlichen (bei der Lekt\u00fcre eines Buches, das f\u00fcr Sie interessant ist \u2013 und wohl kaum kann ein vereinfachter, gek\u00fcrzter Text wirklich interessant sein).<\/p>\n<p>Ich sagte \u201eSprachstruktur\u201c, damit meine ich vor allem Grammatik. Lassen Sie uns dar\u00fcber im Detail sprechen. Nehmen wir denselben kleinen Satz als Beispiel: \u201eIm benachbarten Haus hat ein Feuer angefangen.\u201c Um ihn zu sagen, muss man eine ganze Reihe von grammatikalischen Regeln kennen (Wortstellung, der Dativ von Substantiven und Adjektiven, Gebrauch von bestimmten und unbestimmten Artikeln, das Perfekt von trennbaren Verben). Wenn Sie die Grammatik der deutschen Sprache kennen, aber keine Sprechfertigkeit darin haben, werden Sie diesen Satz nat\u00fcrlich formulieren k\u00f6nnen. Aber es wird einige Zeit in Anspruch nehmen \u2013 und Sie werden dadurch hinter der Situation zur\u00fcckbleiben. So kann man nicht reden (au\u00dfer vielleicht mit einem Zellengenossen \u2013 in einer Situation, in der niemand es eilig hat). Was soll man also tun? Ein Lehrbuch schl\u00e4gt Ihnen normalerweise vor, f\u00fcr jede einzelne Regel eine Reihe von \u00dcbungen durchzuf\u00fchren. Das Problem ist jedoch (und Sie haben es wahrscheinlich schon aus eigener Erfahrung erkannt), dass in einer Situation der freien Kommunikation es Ihnen nicht gelingt, mehrere Regeln in einer einzigen \u00c4u\u00dferung zu kombinieren (und diese fehlerfrei zu sagen). Warum also einen Weg einschlagen, der ins Leere f\u00fchrt? Und dennoch lernen es die Menschen, eine Fremdsprache zu sprechen. Auf welche Weise geschieht das? Es geschieht durch die Variabilit\u00e4t einer \u00c4u\u00dferung. Sie haben zum Beispiel einmal gesagt (oder geh\u00f6rt): \u201eDer Unterricht hat angefangen.\u201c Oder: \u201eDer Film hat angefangen.\u201c So k\u00f6nnen Sie irgendwann sagen: \u201eEin Feuer hat angefangen.\u201c Sie haben bereits einmal gesagt: \u201eim Bezirk\u201c, \u201eim Restaurant\u201c, deshalb werden Sie keine Schwierigkeiten haben, \u201eim Haus\u201c zu sagen. Sie haben bereits einmal gesagt: \u201eim letzten\u201c, \u201eim blauen\u201c, sodass Sie im n\u00f6tigen Moment die richtige Form einhalten: \u201eim benachbarten\u201c. Genau so lernen wir alle in Wirklichkeit, eine Sprache zu sprechen \u2013 allm\u00e4hlich, mit Fehlern, aber eben so: nicht besonders viel \u00fcber Grammatik nachdenkend, sondern sich an Muster gew\u00f6hnend. Das hei\u00dft, genau so sollte Grammatik ge\u00fcbt werden (als eine besondere Art der Lektion, neben der \u00dcbung der freien Rede). Man sollte dem Sch\u00fcler irgendeine \u00c4u\u00dferung vorschlagen, anschlie\u00dfend diese variieren und ausbauen (indem man neue W\u00f6rter, neue Wortkombinationen und neue S\u00e4tze hinzuf\u00fcgt \u2013 bei der Bildung komplexer S\u00e4tze). Ein Musterbeispiel f\u00fcr diese Art des Grammatiktrainings ist die Methode von Michel Thomas (1914\u20132005) (\u201eMichel Thomas Method\u201c).<\/p>\n<p>Aber auch wenn ein Sch\u00fcler ein Buch liest, geschieht etwas \u00c4hnliches: Er gew\u00f6hnt sich an die Sprachkonstruktionen, die Grammatik dank eben dieser Variabilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Deswegen w\u00fcrde ich Folgendes empfehlen: Bevor Sie mit dem Lesen nach meiner Methode beginnen, ist es sinnvoll, eine Art Einf\u00fchrungssprachkurs zu absolvieren (das kann man auch auf eigene Faust machen, aber man sollte sich dabei nicht in Lehrb\u00fccher, die f\u00fcr Monate oder Jahre des Lernens gedacht sind, st\u00fcrzen, sondern lediglich schnell ein paar grundlegende Dinge aus einem Lehrbuch f\u00fcr den Selbstunterricht oder einem Grammatikhandbuch anschauen), dann zu lesen und \u201esich in der Sprache zu belesen\u201c (was nach der Lekt\u00fcre einiger B\u00fccher geschehen wird). Anschlie\u00dfend sollten Sie zur Grammatik zur\u00fcckkehren (und dabei nat\u00fcrlich mit dem Lesen weitermachen) \u2013 und es wird Ihnen schon keine Schwierigkeiten bereiten, sondern interessant f\u00fcr Sie sein, sich mit ihr zu besch\u00e4ftigen. Denn Sie werden all die Gegebenheiten bereits unterschwellig kennen und ihnen mit dem Gedanken begegnen: \u201eAch, so ist das also! Nun ja, klar, das habe ich mir schon gedacht.\u201c Und nicht: \u201eWas ist denn das bitte? Das ist ja furchtbar!\u201c<\/p>\n<p>Ich muss Sie warnen, dass meine Lesemethode nicht garantiert, dass Sie eine Fremdsprache flie\u00dfend sprechen werden. Sprechen lernt man n\u00e4mlich nur im Prozess des Sprechens selbst (und deshalb kann kein Lesen und kein Lehrbuch Ihnen das Sprechen beibringen \u2013 glauben Sie nicht dem, was manchmal auf den Buchdeckeln steht). Sprechen lernt man entweder mit einem Lehrer (und Mitsch\u00fclern) oder durch Konversation mit Muttersprachlern. Wenn Sie jedoch einmal gelernt haben, in einer Fremdsprache flie\u00dfend (ohne W\u00f6rterbuch) zu lesen, k\u00f6nnen Sie bei Bedarf (zum Beispiel wenn Sie in eine fremdsprachliche Umgebung kommen) problemlos in dieser Sprache \u201eins Reden hineinkommen\u201c (denn Sie kennen das Vokabular und die Struktur \u2013 es geht nur darum, sie vom Passiv ins Aktiv zu bringen). Diese Erfahrung habe ich mit Franz\u00f6sisch gemacht: Ich las bereits flie\u00dfend Franz\u00f6sisch und kam f\u00fcr einen Monat nach Frankreich \u2013 und am Ende meiner Reise sprach ich auch bereits ziemlich flie\u00dfend.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann meine Lesemethode auch einfach Ihren Sprachunterricht in Kursen und \u00c4hnlichem begleiten und unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Jedoch hat nicht jeder das Ziel, gerade die gesprochene Sprache zu beherrschen. Einige (und sogar ziemlich viele) wollen einfach nur in der einen oder anderen Sprache lesen lernen. Und auch in diesem Fall macht es keinen Sinn, zu einem Lehrbuch zu greifen und S\u00e4tze wie \u201eIch habe ein Zimmer bestellt\u201c oder \u201eWie komme ich zur Bibliothek?\u201c auswendig zu lernen. Es gen\u00fcgt, wie ich bereits erz\u00e4hlt habe, wenn man sich die Grundlagen der Grammatik anschaut und direkt zum Lesen \u00fcbergeht.<\/p>\n<p>Ich selbst interessiere mich zum Beispiel gerade f\u00fcr das Lesen (aber \u00fcbrigens auch f\u00fcr das Ansehen von Filmen und das H\u00f6ren verschiedener Sendungen \u00fcber Literatur, Kunst und Kulturgeschichte). Warum muss ich zum Beispiel flie\u00dfend D\u00e4nisch sprechen k\u00f6nnen? Ich bin in meinem Leben nur einmal einem D\u00e4nen begegnet (und wir haben Englisch gesprochen). Aber ich liebe d\u00e4nische (und norwegische) Literatur, ich lese sie ab und zu im Original. Au\u00dferdem muss die Sprechfertigkeit st\u00e4ndig aufrechterhalten werden, und wie soll man dies gleichzeitig f\u00fcr ein Dutzend Sprachen schaffen? F\u00fcr das Lesen dagegen brauchen Sie nichts aufrechtzuerhalten: Wenn Sie einmal das Niveau des flie\u00dfenden Lesens erreicht haben, geht das nicht mehr verloren. Normalerweise lese ich ein paar Monate lang in einer bestimmten Sprache, dann wird mir langweilig, und ich wechsle zu einer anderen Sprache. (Dieser Moment des \u00dcbergangs macht sehr viel Freude, denn er schenkt ein erneuertes Gef\u00fchl f\u00fcr die Sprache, zu der man wechselt \u2013 zu der man zur\u00fcckkehrt wie zu einer weiteren Muttersprache.)<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte auch anmerken, dass meine Lesemethode nicht f\u00fcr jeden geeignet ist. Wenn Sie \u00fcberhaupt keine B\u00fccher lesen, ist sie nichts f\u00fcr Sie. Denn sie basiert ja auf Interesse: Sie lesen das Buch, ohne die Sprache zu lernen, gehen von einem Textabschnitt zum n\u00e4chsten, denken nicht an die Grammatik, sondern folgen nur der Handlung. Die Methode basiert auf einem unterschwelligen Erlernen der Sprache. Sie k\u00f6nnen in kurzer Zeit eine so gro\u00dfe Menge an Sprachmaterial aufnehmen (selbst bei einer Stunde pro Tag sind es Tausende von lexikalischen Einheiten), gerade dadurch, weil Sie das Material nicht lernen, sondern ohne nachzudenken aufnehmen. W\u00e4hrend Sie ein Buch lesen, benutzen Sie die Sprache als ein Werkzeug, als ein Mittel \u2013 und verinnerlichen sie dadurch schnell. Das ist so ein psychologisches Prinzip: Wenn Sie beispielsweise den Gang einer Person beobachten m\u00f6chten, ist es besser, sie aufzufordern, nicht einfach durch den Raum zu gehen, sondern sagen wir, ein Fenster zu \u00f6ffnen. Im ersten Fall wird ihr Gang verkrampft und unnat\u00fcrlich sein; im zweiten Fall wird sie ganz locker die Strecke zum Fenster gehen, weil sie nicht an ihren Gang, sondern an ihre Aufgabe denken wird, das hei\u00dft, nicht an das Mittel, sondern an das Ziel. Die Sprache ist ein Mittel dazu, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, also lernt man sie dann am besten, wenn man sie als Mittel benutzt, sei es im Gespr\u00e4ch, beim Lesen oder auf irgendeinem anderen Weg der Informationsgewinnung. (Wenn Sie mehr \u00fcber die psychologischen Grundlagen eines solchen Ansatzes zum Erlernen einer Fremdsprache wissen m\u00f6chten, lesen Sie \u00fcber die suggestop\u00e4dische Methode des Fremdsprachenunterrichts des bulgarischen Psychotherapeuten und P\u00e4dagogen Georgi Losanow (1926\u20132011)).<\/p>\n<p>Die richtige Auswahl eines Buches ist deshalb ebenfalls wichtig. Das Buch sollte f\u00fcr Sie interessant sein, betrachten Sie es nicht als ein Lehrbuch. Wenn Sie keine M\u00e4rchen m\u00f6gen, lesen Sie sie nicht. (Wir versuchen, das Angebot an B\u00fcchern abwechslungsreich zu gestalten, nach und nach gibt es immer mehr davon.)<\/p>\n<p>Ehrlich gesagt, kenne ich keine bessere Methode, um Vokabeln zu lernen, als ein Buch zu lesen. In der Alltagssprache gibt es (bestenfalls) einige tausend W\u00f6rter, in B\u00fcchern sind es mehrere zehntausend. Wenn Sie sich auf Lehrb\u00fccher und die gesprochene Sprache beschr\u00e4nken, werden Sie immer das Gef\u00fchl haben, dass Sie die Fremdsprache unzureichend beherrschen. Sie werden zwar alles sagen k\u00f6nnen, aber werden auch im Gesagten eines gebildeten Gespr\u00e4chspartners nicht alles verstehen, ganz zu schweigen von Artikeln oder Filmen (einschlie\u00dflich Dokumentarfilmen). Und noch ein wichtiger Punkt, bez\u00fcglich der Frage, wie n\u00fctzlich die Lekt\u00fcre von klassischer Literatur ist, wenn man eine Sprache daf\u00fcr lernt, um zu kommunizieren: Sprache besteht nicht nur aus modernen W\u00f6rtern. Ein Muttersprachler kann jederzeit ein Wort verwenden, das in Ihrem W\u00f6rterbuch als \u201eva.\u201c (veraltet) gekennzeichnet ist. Ich spreche schon gar nicht von irgendwelchen Erz\u00e4hlungen \u00fcber Kultur \u2013 in der Presse oder im Film. Stellen Sie sich nur jemanden vor, der Deutsch gelernt hat, aber das Wort \u201egn\u00e4dig\u201c oder das Wort \u201eobsiegen\u201c nicht kennt.<\/p>\n<p>Ich glaube, ich habe Ihnen alles Wichtige erz\u00e4hlt. Es bleibt noch hinzuzuf\u00fcgen, dass in den letzten mehr als 20 Jahren in Russland \u00fcber 400 B\u00fccher nach meiner Lesemethode in 63 Sprachen mit einer Gesamtauflage von etwa zwei Millionen Exemplaren ver\u00f6ffentlicht wurden. (Ich bin den \u00dcbersetzern und Verlagsmitarbeitern sehr dankbar!) Besonders freut es mich, wenn Leser in ihren Rezensionen schreiben, dass sie auf diese Weise gelernt haben, in verschiedenen Sprachen zu lesen \u2013 und sogar in solchen, mit denen sie sich eigentlich gar nicht besch\u00e4ftigen wollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ilya Frank<\/em><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ilya Frank \u00fcber seine Lesemethode Meine Lesemethode: Wie sie entstanden ist und wie sie n\u00fctzlich sein kann1999 war ich als Dozent an der Russischen Geisteswissenschaftlichen Universit\u00e4t gezwungen, Privatstunden in Deutsch zu geben (in jenem Jahr gab es einen Staatsbankrott, und die H\u00f6he der Dozentengeh\u00e4lter war rein symbolisch). 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